Hohe Kunst: Sichtbeton auf japanische Art
Bilder der Stille: Tadao Ando und die Langen Foundation in Neuss
Fiala, Hannes / Winzer, R.
Auf der Museumsinsel Hombroich, Neuss, ist im September des vergangenen Jahres die "Langen Foundation" eröffnet worden. Der Entwurf für das Museum stammt vom japa-nischen Architekten Tadao Ando. Als die Stifterin Marianne Langen Tadao Andos Plä-ne im Jahr 2001 zum ersten Mal sah, ent-schied sie sich sehr schnell, dieses Haus als das letzte und größte Kunstwerk ihrer Samm-lung bauen zu lassen. Dabei verzichtete sie auf jegliche Fördermittel: Von den mehr als 9 Mio. #, die der Bau kostete, stammt nicht ein Cent aus öffentlichen Mitteln. – Das Museum ist als Ensemble aus drei Baukörpern konzipiert. Eine Komposition aus Glas und hellem Beton, die sich ein-schmiegt in vorhandene Erdwälle, die Bezug nehmen auf die Geschichte des Ortes, eines ehemaligen Nato-Stützpunkts. Im Eingangs-bereich löst Ando die Wallanlage auf. Der Weg führt durch ein Tor in einer hohen, halbrunden Betonwand. Erst hier wir der Blick über einen Spiegelteich auf einen Be-tonriegel freigegeben, der in seinem gläser-nen Mantel nahe schwerelos auf der Wasser-oberfläche zu treiben scheint. Im 45° Winkel zu diesem Ausstellungsbereich mit seinem gläsernen Wandelgang (der zwischen der Na-tur und den Sichtbetonelementen, die durch ihre Präzision bestechen, zu vermitteln scheint) hat der Architekt parallel zueinander zwei Betonriegeln entstehen lassen. Beide sind 6 m tief in die Erde gegraben und schauen nur 3,45 m heraus. Die Raumhöhe von 8 misst erst im Inneren des Gebäudes er-fahrbar. Zwischen den zwei Trakten führt die "Grand Stair" - eine große Freitreppe - aus der Architektur zurück in die Natur. – Maßgebendes Gestaltungselement ist der Sichtbeton mit seinem Raster, das den japa-nischen "Tatami-Matten" durch Fugen und Konen nachempfunden sind. Dieses Raster ist für alle Flächen charakteristisch. Das ge-stalterisch Reduzierte des Museumsbaus war für die Realisation die eigentliche Herausfor-derung. – Der Architekt Tadao Ando: – Höchste Ansprüche an Sichtbeton – Die Bauten des japanischen Architekten und Künstlers Tadao Ando zeichnen sich welt-weit durch die sichtbar bleibenden Betonflä-chen mit regelmäßigem Raster der Spannko-nen als Gestaltungselement aus. Dabei wer-den Materialien mit hochwertiger Qualität und Kontinuität bei Maßhaltigkeit, Oberflä-chenausbildung, Farbgebung und Anschluss-details verwendet. Dem Beton wird trotz in-dustrieller Fertigung für den Baukörper ein monolithischer Charakter zugewiesen, der gemäß der Philosophie des Architekten kei-ner Nachbearbeitung ausgesetzt wird. – Zur Realisierung der Gestaltungsideen von Tadao Ando auf der Museumsinsel Hombroich wurde selbstverdichtender Beton (SVB) gewählt, weil für die dünnen und bis zu 7 m hohen Bauteile eine Erfüllung der Qualitätsanforderung mit Normalbeton nicht zielsicher zu verwirklichen war. – Insgesamt wurden mit 488 m# Beton 2500 m² Sichtbeton hergestellt. Dabei soll nicht verschwiegen werden, dass trotz Probe- und Musterwand mehrere Fehlversuche und unbefriedigende Ergebnisse am Anfang der Maßnahme zur weiteren Optimierung des Ablaufes gezwungen haben. Alle Verant-wortlichen wurden dadurch frühzeitig dafür sensibilisiert, dass Sichtflächen mit diesen hohen Anforderungen nur durch äußerste Sorgfalt und durch das intensive Bemühen aller Beteiligten erfolgreich gestaltet werden kann. – Intensive Vorplanung und die Berück-sichtigung der Details bei der Herstellung des Baustoffs im Transportbetonwerk, der Logistik der Zulieferung zur Baustelle, der Einbaumaßnahmen und der Details von Schalung und Verarbeitung des SVB#s vor Ort haben letztendlich die Herstellung hoch-wertiger Sichtbetonflächen ermöglicht. Alle Baukörper wurden mit einer detailgenauen Geometrie in Ortbeton hergestellt. Für die Betonarbeiten zeichnet die Florack Bauun-ternehmung GmbH, Heinsberg, verantwort-lich. – Vertragsgrundlage – Die hohen Anforderungen an die Ausführung der Sichtbetonflächen waren bereits Gegens-tand der Vertragsgrundlagen. Insbesondere waren abweichend von den deutschen Bau-richtlinien u.a. folgende besonderen Anfor-derungen herausgestellt: – - Betoniernester werden nicht akzeptiert – - alle Endkanten müssen scharfkantig sein – - sämtliche Betonoberflächen eines Gebäu-des sind in gleicher Farbgebung zu erstellen – - exakte Maßhaltigkeit bezüglich Schaltafel-format und Abmessungen – - exakte Lage der Spannschlösser – - Toleranzvorgaben bei Fugen und Schalta-felstößen – - Spannstahl aus rostfreiem Stahl – - die Enden des verzinkten Rödeldrahts müs-sen zur Schaltafel abgewandten Seite zeigen – Selbstverdichtender Sichtbeton – Aus den Beschreibungen und Anforderungen in den Vertragsunterlagen war ersichtlich, dass die Bauaufgabe, wenn überhaupt, nur durch Einsatz von selbstverdichtendem Be-ton erfüllt werden konnte. – Nach zahlreichen Vorversuchen, Eig-nungsprüfungen und der Herstellung der Probeflächen durch verschiedene Betonliefe-ranten wurde mit der Bauausführung begon-nen. Trotzdem war die gewünschte Qualität der sichtbar bleibenden Flächen zunächst nicht kontinuierlich und zielsicher herstell-bar, so dass zu Beginn der Bauarbeiten ein Rückbau von einigen Sichtbetonwänden er-folgen musste. – Für das Bauvorhaben wurde letztendlich das an anderer Stelle erprobte System "Dy-ckerhoff Liquidur" (vergl. beton 9/2001 S. 492) mit einer allgemeinen bauaufsichtlichen Zulassung gewählt. Danach wurden keine weiteren Flächen zurückgebaut. – Qualitätskontrolle im – Transportbetonwerk – Die konsequente Eingangskontrolle der Aus-gangsstoffe ist die Grundlage für die Gleichmäßigkeit der Herstellung des SVB im Transportbetonwerk. Für die Ausgangsstoffe Zement, Kalksteinmehl, Sand 0/1 und Sand 0/2 A sowie für das Zusatzmittel wurden lau-fende Eingangskontrollen durchgeführt. Die Ergebnisse und deren Bewertung auf der Ba-sis zuvor festgelegter Kriterien entschieden über Annahme oder Ablehnung. Nur die Ausschaltung von unkontrollierten Verände-rungen im Beton durch Schwankungen der einzelnen Komponenten in der Mischung ga-rantiert die Einhaltung der geforderten Frischbetoneigenschaften in einer engen Bandbreite (vergl. beton 9/2001 S. 492). – Frischbeton – Für die ausgelieferten Betonsorte SVB wurde jede Lieferung vor dem Verlassen des Wer-kes mit den einschlägigen Verfahren geprüft (Setz-Fließmaß ohne Blockierring, t500, Setz-Fließmaß mit Blockierring, tB500, Rohdichte, w/z-Wert aus Darren). Bei den Prüfungen nach Augenschein wurde während des ge-samten Lieferzeitraums keine Sedimentation festgestellt. – Tafel 1 – Betonprüfung – Festbeton – Auch die Ergebnisse von 112 Festbetonprü-fungen für die Rohdichte und die Druckfes-tigkeit wurden statistisch ausgewertet wor-den. Besonders auffällig war dabei die relativ geringe Standardabweichung, die die Genau-igkeit und die erhöhte Sorgfalt bei der Her-stellung widerspiegelt. – Die Sauberkeit der Transportbetonfahr-mischer und ihre vollständige Entleerung auch von Rest- und Waschwasser vor jeder Beladung ist Grundvoraussetzung für die Herstellung einer gleichmäßigen SVB-Qualität. Deshalb wurde jeder einzelne Wa-gen vor dem Befüllen kontrolliert. Für die Anlieferung zur Baustelle wurden verschie-dene Routenpläne entwickelt, die je nach Verkehrssituation und Anlieferungszeitpunkt benutzt wurden. Per Funkkontakte gaben die Fahrer für die nachfolgenden Wagen einen aktuellen Bericht der Verkehrssituation. – Abnahmeprüfung auf der Baustelle – Bei Übergabe des SVB auf der Baustelle wurden geprüft: Setz-Fließmaß mit Blockier-ring, tB500, Prüfung des Betons nach Au-genschein. Die Ergebnisse sind ebenfalls in Tafel 1 vermerkt. – Qualitätssicherung auf der Baustelle – Die Steuerung des Betonier- und Entladevor-gangs und die Absicherung eines kontinuier-lichen Einbaus des Betons vor Ort wurden durch eine intensive Kommunikation mit der Baustelle und unter Berücksichtigung der Prüf- und Entladezeiten erreicht. Eine zeitli-che Planung des Ablaufs und der Belieferung erfolgte im Vorfeld jedes Betoniervorgangs. – Schalung – Das Wissen, dass zwar die zugesicherten Ei-genschaften des Frischbetons als Abnahme-kriterium wichtig sind, eine sichtbar bleiben-de Betonoberfläche jedoch nur das Spiegel-bild der verwendeten Schalhaut darstellt, hat den Lieferanten bewogen, sich intensiv auch um diesen Teil des Produktionsprozesses zu kümmern. – In enger Zusammenarbeit mit der Bau-stelle erfolgte auch eine Prüfung der Gege-benheiten vor Ort durch einen sachkundigen Betoningenieur des SVB-Lieferanten mit ei-ner ausführlichen Inspektion der Schalung und der Schalhaut sowie der Kontrolle der Auftragsmenge des Entschalungsmittels so-wie die Festlegung des Entschalungszeit-raums. – Als Schalhaut waren vom Auftraggeber kunstharzvergütete Sperrholztafeln mit Ur-ethanlackbeschichtung gefordert. Für die An-zahl der Einsätze der Schalhaut war festge-legt, dass diese nur so lange verwendet wer-den kann, wie sie Betonoberflächen ergibt, die jenen entsprechen, die mit einer neuwer-tigen Schalhaut hergestellt wurden.. – Die Schwierigkeiten, die besonderen An-forderungen an die Qualität des Sichtbetons zu erfüllen, waren noch durch die Größe der Bauteile und deren Dicke gegeben: Die Wände mit sichtbar bleibenden Betonflächen war bis zu 7,15 m hoch und teilweise nur 15 cm dick. – Bild "Wand mit Schalung" – Des Weiteren wurde mit der Baustelle vereinbart, beim Betonieren der hohen Wän-de speziell angefertigte Einfüllhilfen zu ver-wenden. Zur Optimierung des Füllvorgangs wurde der Beton vor dem Einfüllen in die Schalung angepumpt, bis er am freien Roh-rende austrat. Erst danach wurde die Einfüll-hilfe in die Schalung eingeführt und der Be-toniervorgang begonnen. – Nachbehandlung und Schutz – der fertigen Wände – Eine aufwendige Rahmenkonstruktion mit Folienabdeckung war bereits in der Aus-schreibung gefordert, um die fertigen Beton-sichtflächen zu schützen. Durch das schnelle Entfernen der großformatigen Schaltafel nach dem Lösen der Spannanker wurde eine mögliche Braunverfärbung des sehr hellen Betons durch die bekannte Phenolwanderung vermieden. Der sofortige Schutz der Wände mit der oben genannten Rahmenkonstruktion verhinderte sowohl das schnelle Austrocknen des Betons. Auch wurde Entstehung von Ausblühungen durch Eindringen von Nieder-schlagwasser zwischen Schalhaut und Ober-fläche des Betons dadurch vermieden. – Die Vergleichmäßigung des Austrock-nungsprozesses des Betons durch diese Maß-nahme ergab eine weitgehend einheitliche helle Farbgebung der Sichtbetonflächen im Endzustand. – Bild "Schutz des Sichtbetons" – Erkenntnisse aus dem Bauablauf – Durch Einhaltung aller bekannten Material-kennwerte für den Baustoff SVB ist nicht zwangsläufig eine gleichmäßig hohe Qualität der daraus hergestellten, sichtbar bleibenden Betonflächen von selbst gegeben und zu ge-währleisten. Nur die umfassende Erfahrung des Herstellers mit dem eigenen Produkt SVB sowie dessen kontinuierliche Beobach-tung während des Herstellungs- und Liefer-zeitraumes lassen Hinweise auf Veränderun-gen erkennen und ermöglichen die Anpas-sung an die veränderten Randbedingungen. Dies tritt insbesondere bei Regenwetter und bei Temperaturveränderungen auf und hängt offensichtlich mit der Wirkungsweise der Betonfließmittel der neuen Generation auf der Basis Polycarboxilatether zusammen. – Eine intensive Arbeitsvorbereitung im Werk, die Kontrolle der Eingangskomponen-ten, die Festlegung der Anlieferung an die Baustelle, d. h. die gesamte Logistik ist die Grundvoraussetzung für einen reibungslosen Bauablauf. – Zusammenfassung – Selbstverdichtender Beton (SVB) ist ein "high-tech-Produkt", das nur in der Zusam-menarbeit und mit der Verantwortlichkeit al-ler Beteiligten zu dem gewünschten, hoch-wertigen, optischen Eindruck von Sichtbeton führen kann. Dass ein solcher SVB einen ho-hen Aufwand verlangt und auch beim Einbau Geld kostet, sollte allen am Bau Beteiligten von vorne herein klar sein: "High-tech-Sichtbeton" ist - so die Bilanz - nicht für "low cost" zu bekommen. – Das beschriebene Produktions- und Ein-baukonzept mit vielen Schritten der Quali-tätsüberwachung ermöglichte die Erfüllung der hohen Qualitätsanforderungen an den Sichtbeton aus dem Vertrag. Dabei wurden folgende Eigenschaften erreicht: – - Beton ohne Sedimentation – - niedrige Porigkeitsklasse durch ausreichen-de selbständige Entlüftung – - Betonoberflächen ohne Abzeichnung von Trennschichten – - keine Ausblühungen durch ablaufendes Wasser – - geschlossene Textur durch einheitliche Be-tonoberflächen – - hohe Farbtongleichmäßigkeit und geschlos-sene Schalhautfugen – - keine unterschiedlichen Glänzgrade durch unsaubere Schalhaut – Als Ergebnis der aufgebrachten Sorgfalt von Hersteller und Verarbeiter entstand ein Bau-werk, dass den bekannten hohen Ansprüchen des Stararchitekten Tadao Ando entspricht. – Die sichtbar bleibenden Betonflächen des Museums beweisen die Beherrschbarkeit der aufgezeigten Parameter für SVB zur Ver-wirklichung höchster Ansprüche an die opti-sche Gestaltung auch dünner und hoher Bau-teile.
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beton 1.2/2005 ab Seite 56
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